Der Garten der Pfade, die sich verzweigen

Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges (1899-1986) aus dem Jahre 1941, mit der er die Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik literarisch vorausgeahnt hat (MultiversumParalleluniversen). Borges klagt jedes lineare Erzählen des ungeheuren Vergehens an, immer nur eine Möglichkeit des Verlaufs einer Geschichte (oder einer Situation) darzustellen und nicht vielmehr alle Möglichkeiten ihres Verlaufs und alle Zustände ihrer Figuren: „Was wäre dann ein Werk, dass sich für alle Möglichkeiten zugleich entscheidet – mit verschiedenen Zukünften und verschiedenen Zeiten, die ebenfalls auswuchern, und wie in einem Irrgarten sich endlos verzweigen?“ (Brei der Wirklichkeit, Geteilte Zeit ist doppelte Zeit) Hauptfigur und Ich-Erzähler (Individuum) ist ein chinesischer Spion im Zweiten Weltkrieg namens Tsun, ein Nachfahre des berühmten Gouverneurs Ts‘ui Pên, der einst über dem doppelten Versuch gestorben ist, einen riesigen Roman zu schreiben und ein ebenso riesiges Labyrinth zu konstruieren – scheinbar erfolglos, denn alles was er hinterließ, war ein scheinbar grenzenloses Konvolut aus zahllosen unverständlichen Fragmenten. Was die Nachwelt jedoch erst spät versteht: Der Roman ist das Labyrinth, und das Labyrinth ist der Roman; der Versuch der Beschreibung einer Welt (Weltbilder), in der alle möglichen Ausgänge einer Situation simultan geschehen und jeder dieser Ausgänge wiederum zu weiteren Aufspaltungen der Geschichte führt: „Ich dachte an einen Irrgarten aus lauter Irrgärten, an einen gewunden wuchernden Irrgarten, der die Vergangenheit umfasst und die Zukunft, und der auch die Sterne irgendwie miteinbezieht.“

Der Doppelgänger, Ineinander verschachtelte Räume