A wie Einleitung, das

Die Geschichte ist durchzogen von dem seltsamen Bedürfnis der Menschen, sich auch dort eine Ordnung vorzugaukeln, wo keine ist. Nichts eignet sich dazu besser als die Enzyklopädie, das ABC, das den Anschein des Abgerundeten oder Beherrschbaren wahrt, solange es nur von einem Anfang bis zu einem Ende reicht. Aber das Verfassen von Enzyklopädien, die das gesammelte Wissen über die Geschichte und ihre Geschichten enthalten sollen, das Wissen über die Abgründe der Sprache und über alle Herkünfte des Daseins – diese Arbeit ist in Wahrheit wie ein Spaziergang auf einer Möbiusschleife, eng verwandt mit dem Wahnsinn. In ihr treffen sich Vernunft und Unvernunft in einer unheimlichen Kollision (Der Garten der Pfade, die sich verzweigen). Und damit wären wir schon mitten in Die Parallelwelt. Denn auch Geschichtenkönnen Ordnung schaffen, wo nie Ordnung war; und jede Geschichte eliminiert andere Versionen ihrer selbst, jeder ausbuchstabierte Weg einer Figur (Fred) durch eine Situation verdeckt andere mögliche Wege für sie. Aber wer alle Versionen einer Geschichte kennen möchte (Ein Ja und ein Nein), muss sich in Paralleluniversen begeben oder Labyrinthe betreten, die keine Ausgänge mehr kennen, sondern nur noch Abzweigungen und Kreuzungen, Treppen und Brücken; Labyrinthe, die keine Endgültigkeit mehr zulassen, sondern nur noch ein Denken und Handeln in Möglichkeiten (Quant); Labyrinthe, in denen der Kausalzusammenhang mit der Irrationalität seinen ewigen Geschwisterstreit austrägt und auf den Pfaden der vorwärts schreitenden Zeit alles Gewesene mit allem Kommenden seinen endlosen Tanz aufführt, gleichzeitig: Nur noch Links, aber kein Schluss mehr, nichts wird geschlossen; aber etwas erschließt sich, für einen schönen, kurzen Moment, in dem sich gerade noch etwas denken und fühlen lässt, bevor der Pfad sich schon wieder verzweigt, z.B. in Déjà-vu und X-Dramaturgie.

Ameisen, die

Familie der Insekten innerhalb der Ordnung der Hautflügler. Ihr althochdeutscher Name âmeizâ könnte mit dem Wort emaz, ëmatîc („emsig“) in Verbindung stehen; die A. wären demnach die „Arbeitsamen“, die mit dem modernen Menschen die Eigenarten gemein haben, Tunnel und Kanäle zu graben, Straßen zu bauen, Staaten zu gründen, auf Schaukeln zu schaukeln und Armeen aufzustellen (A. stellen die bedeutendste Gruppe eusozialer Insekten dar).

Cheshire Cat, Individuum

Anzahl der Globalisierungsphasen, die

Peter Sloterdijk (*1947), der Philosoph, sagt in seinem Buch Im Weltinnenraum des Kapitals: Drei. Jede Phase trug ihren eigenen Teil zur „Vernichtung der Abstände“ auf dem Erdenrund bei. Die erste Phase vollzog sich in der vorchristlichen Antike, bei „den Alten“, wie man so herrlich-versponnen sagt, als der Kosmos und mit tihm die Weltkugel zum ersten Mal in Gedanken vermessen wurde (Weltbilder). Die zweite Phase lässt Sloterdijk mit der sogenannten Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus (1451 – 1506) ( Magellan, Ferdinand) beginnen, er nennt das die „terrestrische Globalisierung“, die Stichworte dazu: Welthandel, Imperialismus, Kolonien, Abenteurer, Kanäle, In 80 Tagen um die Welt (Jules Verne, 1828 – 1904), Schiffe, Panamakanal, Züge,  Ameisen usw. Die dritte Phase schließlich setzte mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein, es ist die Phase der „elektrischen Globalisierung“, in der wir bis heute stecken: Funk- und Lichtsignale haben den Globus faktisch auf einen einzigen Punkt zusammenschrumpfen lassen (Latenz).

Satellite Arts ProjectWürde der Abstände

Brei der Wirklichkeit, der

Etwas grobschlächtiges, aber dennoch eingängiges Bild für eine Welt, in der sich nichts mehr klar vom anderen abgrenzen lässt, was einer stückweiten Auflösung eindeutiger Identitäten gleichkommt (Schöpfen heißt Grenzen ziehen). In einer solchen Welt gibt es nur noch unmerkliche Übergänge und sanfte Schwellen, Dehnungen, Wirbel und ständige Verschiebungen, eine Tektonik des Zähen; nicht einmal mehr Schichtungen, sondern ein kontinuierliches Werden und Transformieren, sterbend leben und lebend sterben, Haut auf Haut, ein fortwährendes Umstülpen, ein nimmermüder Austausch von Materie und Ideen, wobei auch diese Unterscheidung ungültig wird: Innen und Außen, Geist und Körper sind nicht mehr voneinander getrennt (Möbiusschleife), sondern durchdringen einander und heben sich auf; das Eigentum hebt sich auf, Entfernungen ent-fernen sich, die Ursache verschlingt sich selbst und spuckt sich als Wirkung wieder aus, rückwärts und vorwärts und richtungslos in
der Zeit; alles ist Teilung, in den kleinsten Teilchen verbergen sich wie zufällig die Galaxien, die wiederum randvoll gefüllt sind mit Zufällen (Schock) und Teilchen, alles hebt sich auf für den Augenblick, der die Ewigkeit enthält wie das Meer die Tropfen: Anfangen und Enden sind eins und nicht eins.

Einsteins Verzweiflung, Quantenphysik, Schmerz im ZehWeltmaschineWürde der Abstände

Bundesautobahn 2, die

Wichtigste Ost-West-Trasse für Menschen und Güter im nördlichen Deutschland,
führt vom Ruhrgebiet in Nordrhein -Westfalen über Niedersachsen mitten durch die ehemalige Grenzanlage Marienborn (Schöpfen heißt Grenzen ziehen, Mauer) nach Sachsen -Anhalt, Brandenburg und Berlin, vorbei an Flüssen, Städten, Mittelgebirgen (Salzgitter Bad). Zugleich eine Art Furche, eine Vorzeichnung für eine der wichtigen Glasfaserleitungen, die heute Ost- und Westdeutschland lichtschnell miteinander verbinden. Die beiden Bahnen, hier für Autos, dort für Daten (Wellenlänge), verlaufen heuteannähernd parallel (Paralleluniversen).

CERN

Großforschungseinrichtung für Kern- und Teilchenphysik im Kanton Genf (CH). In einer gewaltigen internationalen Anstrengung versuchen dort zehntausende Forscherinnen und Forscher emsig wie die Ameisen seit 1952 weitere Aufschlüsse darüber zu finden, wie dieses ganze Zeugs, das uns Menschen umgibt und aus dem auch wir bestehen, denn nun eigentlich wirklich aufgebaut ist. Und: nach welchen Gesetzen (oder Nicht-Gesetzen) es sich verändert. Zum Beispiel werden in kilometerlangen, kreisförmigen Beschleunigern winzige Teilchen (Protonen, Neutronen, Elektronen) mit Hilfe von sehr, sehr kalten Magneten auf sehr, sehr hohe Geschwindigkeiten und anschließend zur Kollision gebracht. Beim Crash beobachten die Forscherinnen teils ziemlich erstaunt (Schock), was dabei für Teilchen und Antiteilchen (Anti -Atome)
entstehen und vergehen, und wie diese sich verhalten. Die Millionen Messergebnisse werden dann im sogenannten Standardmodell systematisiert – das nun seit über 50 Jahren unwiderlegt ist, aber trotz seiner Eleganz noch nicht alle beobachtbaren Phänomene im Kosmos erklären kann. Was also die Welt im Innersten zusammenhält, wird eher unklarer als klarer, eher komplizierter als fassbarer, je mehr wir wissen.  „Es verhält sich so mit der Teilchenkollision,“ erklärte uns ein Physiker, „als ob wir eine Banane auf ein Kaninchen knallen lassen, und heraus kommt ein Auto. Und dann sitzen wir dort und fragen uns, wie das eigentlich sein kann.“

Naturwissenschaften und Kunst, Newton, Weltmaschine

Cheshire Cat

Figur aus Lewis Carrolls (1832-1898) Alice im Wunderland, oft mit „Grinsekatze“ übersetzt. Das Tier taucht im sechsten Kapitel des Buchs auf: Ferkel und Pfeffer (Schweine im Weltall). Das Besondere: Das Lächeln der C.C. kann erscheinen, ohne dass ihr Körper anwesend ist. Damit nimmt sie einen besonderen Platz im Materialismusstreit ein (Schmerz im Zeh): Sie besitzt selbst dann noch Attribute, wenn bereits ihre gesamte Materie verschwunden ist. Und gemeinhin gilt ja die Materie als Trägerin der Attribute. Die C.C. stellt also die Frage auf den Kopf, ob es jenseits der wahrgenommen Attribute Materie gibt, also ob es „das Ding an sich“ oder sowas gibt. Sie fragt:  Was wären Attribute ohne Materie? Gibt es so etwas wie eine „reine Erscheinung“ (Geist, Stabat mater)? (Die C.C. ist unseres Wissens nach nicht verwandt mit der Manekineko, eine japanische, nach einer Schicksalsgöttin benannte güldene Glückskatze, die zwar nicht grinst, dafür aber winkt. Und winkt. Und winkt.)

Schrödingers Katze

Currywurst, die

Deutsches Gericht aus Bratwurst (oder anderer Brühwurst) und roter Soße mit Currygeschmack sowie häufiger Anlass zu Kulturkämpfen zwischen Städten und Regionen, wer denn nun wo und wann den globalen Triumphzug der C. eingeleitet hat (und wie eigentlich das beste Rezept geht). War es wirklich die legendäre Herta Heuwer (1913-94), 1949 an ihrem Imbissstand in Berlin-Charlottenburg? Welche Rolle spielte dabei der Fleischermeister Max Brückner aus dem Erzgebirge, Erfinder der bekannten darmlosen Spandauer ohne Pelle? Und konnte man nicht schon 1947 in Hamburg auf dem Großneumarkt C. kaufen, wie es der Autor Uwe Timm (*1940) behauptet? Und wozu hat der Volkswagen-Konzern die Imbisskultur der C. für sich gekapert? Und überhaupt: Ist nicht im Ruhrgebiet die C. am tiefsten im Herzen der Alltagskultur verankert? Schließlich steht die von Herbert Grönemeyer (*1956) innig besungene Wurstbude nicht am Prenzlauer Berg, sondern in Bochum. Ob die Wahrheit jemals ans Licht kommen wird? Zwei Dinge stehen allerdings unverrücklich: a) C. widersetzt sich weiterhin der Versendung durch Glasfaserkabel (Mr. Beam); b) das macht sie zu einer Bewohnerin des metrischen Raums (Anzahl der Globalisierungsphasen), den sie mit Mittelgebirgen, Theaterbühnen und Schauspielerinnen teilt (Theater (Minimaldefinition), Raum und Zeit), was wiederum erklärt, warum sie überhaupt Kulturkämpfen zwischen Regionen zum Anlass dienen kann. Oder hat jemand schonmal davon gehört, dass sich Städte darüber streiten, wo genau ein Algorithmus erfunden wurde?

Dampf, der

Das zwanzigste Jahrhundert wurde als Jahrhundert der Verflüssigung beschrieben. Was schien zu seinem Beginn nicht alles noch fest, begrenzt und klar verortet, was hundert Jahre später flüssig, unbegrenzt, relativ, chaotisch und ortlos erschien (Brei der WirklichkeitWasser)? Der Verkehr, der Handel, die Kommunikation, die Gesetze der Physik (NewtonSchock), die Nationen, die Währungen, der Finanzmarkt – auch das Denken und die Kunst lösten sich in seinem Verlauf von der Festigkeit der strengen Form, begannen wie das Geld, die Waren und die Migranten zu wandern und mäandern, zu kreisen, ohne Anfang und Ende zu fließen (freilich nie, ohne zugleich auch eine restaurative Gegenbewegung auszulösen, die Dämme bauen und Ströme wieder begradigen wollte). Der Autor Robert Tercek hat 2017 ein faszinierendes Buch mit dem Titel Vaporisiert veröffentlicht, in dem er die Metapher der Verflüssigung einen Aggregatzustand weiter treibt: Laut Tercek befinden wir uns beginnend mit den 1980er Jahren und der Digitalisierung in der Phase der Vaporisierung (frz. vaporiser; „verdampfen“), in der alles, wirklich alles davon bedroht ist, zu verdampfen und dann im Wind des Fortschritts zu verwehen, bis nichts mehr von ihm übrig ist als ein paar digitale Algorithmen oder Quantenoperationen (Quantentechnologie). Was alles verdampft? Technische Geräte, Dienstleistungen, Berufe, Unternehmen, ganze Branchen, aber auch bestimmte Kulturtechniken, wie die Vinyl-Schallplatten, die Fotoapparate, Füllfederhalter und Notizblöcke, Taschenkalender, Setzmaschinen, Plattenläden, Flugzeugtickets, Taxiunternehmen, Reisebüros, Atlanten, Straßenkarten, Brockhaus, der Playboy, Leute nach dem Weg fragen und Kartenabreißer. Und so weiter. Und das Theater? Nun, warum sollte ausgerechnet im Theater nichts verdampfen, nur mal so gefragt (Theater (Minimaldefinition))?

Hole in Space, Raum und Zeit, Satellite Arts Project