Déjà-vu, das

Das Gefühl, eine Situation schon einmal erlebt zu haben, an einem unbekannten Ort bereits gewesen zu sein oder eine fremde Person zu kennen. Was wohl jede oder jeder schon mal erlebt haben dürfte, wurde für Diana E. Zimmermann (*1950, Name geändert) aus New Mexico zu einem Albtraum. Seit ihrem 19. Lebensjahr lebt sie in einer Art Endlosschleife (Möbiusschleife). Alles, was sie denkt, sieht und hört, scheint ihr eine Wiederholung zu sein – als wäre ihr Leben ein Film, der immer und immer wieder abläuft (Mystery Man, Fred). Selbst die Geburt ihres Kindes erschien ihr gespenstisch vertraut (X-Dramaturgie). Erklärungen für D.-v.s gibt es so viele wie Forscher und Wissenschaftlerinnen, die sich daran versuchen. Die einen erkennen darin einen Spiegel frühkindlicher Erinnerungen und Traumata. Andere vermuten dahinter Erinnerungen an ein früheres Leben. Wiederum andere glauben an eine Fehlschaltung im Gehirn. Oder haben wir es mit einem D.-v. jeweils dann zu tun, wenn die Raumzeit durcheinandergerät und sich dadurch zwei Paralleluniversen überkreuzen?

Der Garten der Pfade, die sich verzweigen, Fugue

Der Garten der Pfade, die sich verzweigen

Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges (1899-1986) aus dem Jahre 1941, mit der er die Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik literarisch vorausgeahnt hat (MultiversumParalleluniversen). Borges klagt jedes lineare Erzählen des ungeheuren Vergehens an, immer nur eine Möglichkeit des Verlaufs einer Geschichte (oder einer Situation) darzustellen und nicht vielmehr alle Möglichkeiten ihres Verlaufs und alle Zustände ihrer Figuren: „Was wäre dann ein Werk, dass sich für alle Möglichkeiten zugleich entscheidet – mit verschiedenen Zukünften und verschiedenen Zeiten, die ebenfalls auswuchern, und wie in einem Irrgarten sich endlos verzweigen?“ (Brei der Wirklichkeit, Geteilte Zeit ist doppelte Zeit) Hauptfigur und Ich-Erzähler (Individuum) ist ein chinesischer Spion im Zweiten Weltkrieg namens Tsun, ein Nachfahre des berühmten Gouverneurs Ts‘ui Pên, der einst über dem doppelten Versuch gestorben ist, einen riesigen Roman zu schreiben und ein ebenso riesiges Labyrinth zu konstruieren – scheinbar erfolglos, denn alles was er hinterließ, war ein scheinbar grenzenloses Konvolut aus zahllosen unverständlichen Fragmenten. Was die Nachwelt jedoch erst spät versteht: Der Roman ist das Labyrinth, und das Labyrinth ist der Roman; der Versuch der Beschreibung einer Welt (Weltbilder), in der alle möglichen Ausgänge einer Situation simultan geschehen und jeder dieser Ausgänge wiederum zu weiteren Aufspaltungen der Geschichte führt: „Ich dachte an einen Irrgarten aus lauter Irrgärten, an einen gewunden wuchernden Irrgarten, der die Vergangenheit umfasst und die Zukunft, und der auch die Sterne irgendwie miteinbezieht.“

Der Doppelgänger, Ineinander verschachtelte Räume

Deutsche Bahn

Insgesamte Anzahl der vom Schauspiel Dortmund und Berliner Ensemble gebuchten Bahnfahrkarten für die Strecken Berlin→Dortmund bzw. Dortmund→Berlin während der Proben an Die Parallelwelt: 187.

Grob geschätze Anzahl der Minuten, die so insgesamt von Ensemblemitgliedern in der D.n B. verbracht wurden (inklusive Verspätungen, weil die Zugtrennung in Hamm mal wieder länger dauerte o.ä.): 41.300.

Gutscheine, Frühstückskörbe, Präsente oder zumindest freundliche Händedrücke, die wir seitens der D.n B. für solch treue Kundschaft erhalten haben, in Zahlen: 0.

Bundesautobahn 2, Salzgitter Bad

Doppelgänger, der

  1. Frühe Erzählung (1845/46) von Fjodor Dostojewski (1821-1881), in der sich der einfache Angestellte Goljadkin eines Tages von einer Art besserem Ich verdoppelt findet (Individuum), das ihm einerseits bis aufs Haar gleicht und andererseits sofort und sehr zu seiner Verstörung erfolgreicher und beliebter ist als er selbst – und ihn Stück für Stück aus seinem Job und der Gesellschaft verdrängt. Goljadkins Verzweiflungsschreie, er sei das Original und der andere doch nur die Fälschung, verhallen unverstanden in den leeren Echoräumen der russischen Bürokratie. Am Ende flieht Goljädkin, vielmehr rennt er einfach panisch los, und „bei jedem Aufschlag der Füße auf das harte Trottoir“ entspringt dem Boden eine weitere Kopie seines Körpers, bis „ganz Petersburg von ihnen überschwemmt“ ist.
  2. Während der Proben zu Die Parallelwelt von Regisseur Kay Voges (*1972) erzählte Anekdote: Nach der Trennung von seiner ersten Freundin bringt er ihre Klamotten und Bücher in die Wohnung ihres neuen Partners. Und plötzlich ein Schock, der durch Mark und Bein geht: Die Bücher im Regal, die Alben neben dem Plattenspieler, die Inneneinrichtung, die Filmplakate, der Typ selbst – alles gleicht ihm und seinen eigenen Vorlieben. Er wurde ersetzt durch eine anscheinend weniger fehlerhafte Kopie. Ob Voges die angespannte Situation mit einem heftigen Tritt vors Schienbein löste, ist nicht überliefert.

Déjà-vu,  Ineinander verschachtelte Räume

Ein Ja und ein Nein

Bertolt Brecht (1898-1956), ca. 1936: „Wir können bei unseren Zuschauern eine Haltung nicht brauchen (dürfen bei unseren Zuschauern eine Haltung nicht schaffen), die dem Individuum gegenüber (…) ständig auf absolute Kausalität ausgeht, statt, wie die Physiker sagen, auf statistische. Wir müssen in gewissen Lagen mehr als eine Antwort, Reaktion, Handlungsweise erwarten – ein Ja und ein Nein.“ Und zehn Jahre früher – im Geburtsjahr der Quantenphysik – erklärt Brecht in einem Gespräch: „Auch wenn sich eine meiner Figuren in Widersprüchen bewegt, so nur darum, weil ein Mensch in zwei ungleichen Augenblicken niemals der gleiche sein kann. Das wechselnde Außen veranlasst ihn beständig zu einer inneren Umgruppierung. Das kontinuierliche Ich ist eine Mythe. Der Mensch ist ein immerwährend zerfallendes und neu sich bildendes Atom (Paralleluniversen).“

Individuum, Mystery Man, Naturwissenschaften und Kunst, Quant

Ein Zitat, von dem wir irgendwie dachten, dass es hier passt, umso mehr, weil es von Foucault ist, und Foucaultzitate erzeugen ja immer diese besondere Aura, diese Evidenz

„Unsere Zeit ließe sich als Zeitalter des Raums begreifen. Wir leben im Zeitalter der Gleichzeitigkeit, des Aneinanderreihens, des Nahen und Fernen, des Nebeneinander und des Zerstreuten.“ (Michel Foucault, 1926-1984: Von anderen Räumen, 1967)

Anzahl der Globalisierungsphasen, Dampf, Ein Ja und ein Nein, Gegenwart, Raum und Zeit

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Einstein-Rosen-Brücke, die

Besser bekannt als Wurmloch und erstmals 1935 beschrieben durch die Physiker Albert Einstein (1879-1955) und Nathan Rosen (1909-1995). Ob nun Brücke oder Loch, auf jeden Fall stellen die E.-R.-B.n durchquerbare Verbindungen zwischen zwei verschiedenen Universen (Paralleluniversen) oder zwei entfernten Regionen des Universums her und bieten somit – zumindest hypothetisch – eine mathematische Erklärung für Teleportation (Mr. Beam). Auf Wikipedia befindet sich z.B. eine skurrile Fotographik, die eine mathematisch korrekte E.-R.-B. zwischen dem physikalischen Institut der Uni Tübingen und den Sanddünen in der Nähe von Boulogne-sur-Mer (F) darstellt. Offenbar sehnten sich die Wissenschaftlerinnen auf kürzestem Weg in den Sommerurlaub. Genauso wäre es aber denkbar, dass unter bestimmten Bedingungen eine E.-R.-B. zwischen Konnopke’s Imbiß im Prenzlauer Berg und dem Bochumer Bratwursthaus am Bermudadreieck entstünde. Dazu müsste sich Materie so verdichten, dass die Krümmung der Raumzeit enorm zunähme und sich die Currywurstbuden wie zwei entfernte Punkte auf einem Blatt Papier aufeinanderlegten, wenn man es zusammenfaltet – so dass eine Abkürzung entsteht: Ein Shortcut, der die lästige Materialität der Bundesautobahn 2 sowie diverser Mittelgebirge, Seen und Flüsse und selbst die Materialität von Salzgitter Bad auf magische Art und Weise ignorierte (Schmerz im Zeh). Nun könnte man meinen, es ließen sich die Currywürste von nun an munter durch das Loch bzw. über die Brücke hin und her reichen, die leckersten Rezepte austauschen etc.., aber leider vermutete z.B. Stephen Hawking (1942-2018), dass E.-R.-B.n sofort einstürzen würden, sobald sie auch nur ein Fitzelchen echter Materie passierte, und Currywürste sind ja sehr wohl echte Materie. Was man zum Bau einer dauerhaft funktionierenden E.-R.-B. bräuchte, wäre sogenannte Exotische Materie, allerdings kommt diese in der Natur nicht vor, und man weiß derzeit auch noch nicht, wie man sie herstellen könnte. Bis dahin musst du – „biste richtig down, brauchste wat zu kau’n“ – eben doch beim Bratwursthaus in Bochum persönlich vorbeifahren.

Hole in Space

Einsteins Verzweiflung

Obwohl er u.a. mit seinen frühen Forschungen zum photoelektrischen Effekt maßgebliche Grundlagenarbeit für die Entwicklung der späteren Quantenphysik geleistet hatte, mochte sich Albert Einstein (1879-1955) in späteren Jahren nicht wirklich mit ihren theoretischen und praktischen Folgen anfreunden; denn mit der Quantenphysik waren die Zufälligkeit, die Wahrscheinlichkeit, die Unschärfe und die Doppeldeutigkeit in den Vernunftraum der Naturwissenschaft vorgedrungen; was letztlich einer vorläufigen Absage an die Möglichkeit von wahren Antworten überhaupt gleichkam (CERN). Was seine jüngeren Kollegen Niels Bohr, Erwin Schrödinger, Werner Heisenberg und Paul Dirac da entwickelten, war dem nach der letzten, vereinheitlichenden Weltformel (Weltbilder) forschenden Physiker überhaupt nicht geheuer. Das brachte ihn zu der berühmten Formulierung, dass die Quantenphysik zwar viel liefere, “aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der Alte nicht würfelt.“ (Der Alte? Damit könnte durchaus der Rosch gemeint gewesen sein.)

Schock

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Erfahrung, die

Es ist so eine Sache mit der E. – gewissermaßen täuscht sie uns, indem sie uns zunächst einmal weismacht, dass sie nur uns gehört, uns ganz allein. Wir sagen uns: „Nie habe ich tiefer geliebt, nie fürchterlicher gelitten, nie enthusiastischer gehofft, nie mehr bereut als im Zuge dieser ganz besonderen E.” (Hochzeitsfeier) Nun, und dann, ein wenig Leben später, stellt sich die Ernüchterung ein oder die Genugtuung oder die Erleichterung: dass meine E.en nämlich keineswegs nur mir als Individuum gehörten, sondern dass ich sie teilte, mit Abermillionen anderer Menschen (Fred), den Lebendigen und den Toten, hier und in Paralleluniversen, vor oder in deren Hintergrund sich mein Leben abspielte, sich vielleicht auch ein wenig abhob, aber sicher nicht zu sehr, vermutlich nur ein bisschen: Denn die Geburt, der Tod, die Liebe, die Trennung, der Verlust, das Alter, die Krankheit, das Gesunden, die Hoffnung, die Vereinigung – die sind universell, mit all dem „Hexensabbat von Gefühlen und Gedanken“ (Molloy),  die sie im Schlepptau haben (Naturwissenschaften und Kunst). Und wenn auch jeder nur seinen eigenen Tod sterben kann, so teilen wir doch die Sterblichkeit und die Lebendigkeit untereinander (Ineinander verschachtelte Räume), weit über die Grenzen der persönlichen Bekanntschaft, der Zeitgenossenschaft, der Lokalität hinweg (Würde der Abstände).

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Expanded Cinema

Das erweiterte Kino; eine künstlerische Bewegung seit den 1960ern, die in Livevorstellungen mit Mehrfachprojektionen, Lightshows und Multimedia-Aktionen experimentierte (Hole in Space). Der Medienkünstler und -theoretiker Gene Youngblood (*1942) schrieb 1970 das erste Buch, das sich überhaupt mit Video als künstlerischem Mittel beschäftigte, und nannte es E.C.: “Wenn wir von erweitertem Kino sprechen, dann meinen wir eigentlich erweitertes Bewusstsein. E.C. bedeutet weder Computerfilm, noch Videoleuchten, atomares Leuchten oder sphärische Projektionen. E.C. ist überhaupt kein Kinofilm. Wie das Leben ist es ein Prozess des Werdens – der andauernde historische Antrieb der Menschen, ihre Vorstellungen auch außerhalb ihres Geistes Bild werden zu lassen, vor ihren Augen (Schmerz im Zeh).”

Satellite Arts Project

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