Hochzeitsfeier, die

Energiegeladener Kristallisationspunkt im Leben aller, die seit früher Kindheit auf diesen schönsten aller Tage kulturell vorbereit wurden und auf ihn hingefiebert haben. Also aller. Genau dieses Fieber jahrzehntelanger Vorfreude jedoch erhitzt die Festivität häufig; auf den Stirnen der nahen Verwandten glitzern die Schweißtropfen (Dampf) der Aufregung, ob denn das richtige Maß zwischen Ritus und Individualität (Individuum) gefunden wurde – also zwischen Anpassung an die Tradition und der im Kapitalismus so wichtigen gewissen Note an Unverwechselbarkeit. Die nahen Verwandten denken: „Macht’s gerne anders, klar, aber bitte nicht zu anders. Die Torte muss schon sein.“ Damit wird die H. für das Brautpaar zum verdichteten Schlachtfeld dessen, was uns als Subjekte im Kapitalismus ohnehin die ganze Zeit zerrreißt: An einem Arm zerrt die Sehnsucht nach Besonderheit („ein Brautkleid wie kein Brautkleid je war“, Heftiger Tritt vors Schienbein), am anderen Arm zerrt die Angst vor der Abweichung („was wohl Oma zu dem Kleid gesagt hätte“, Weltinnenraum). Hinzu kommt, dass dort wo das Leben als solches satt und prall gefeiert werden soll, die Flüchtigkeit alles Geschehens umso fühlbarer wird („dieser Tag, der dürfte nie vergehen“). Da die Vergänglichkeit aber ein schlechtes Image hat, streben H.n heute immer erkennbarer und ausschließlicher zum Bilde hin: Jeder Moment ist im Grunde bereits inszeniert als Bild für die Ewigkeit und für Instagram („und jetzt alle hochspringen, den Blumenstrauß werfen!“), was den Augenblick und jedes Leben in ihm natürlicher Weise völlig abtötet. Und dann merkt man auch noch, dass – egal wie minutiös alles vorbereitet wurde – es immer noch Onkel Jürgen gibt, der absolut nicht pintersesttauglich ist.

Erfahrung, Fred

Veröffentlicht am in Allgemein by Alexander Kerlin | publish