Dampf, der

Das zwanzigste Jahrhundert wurde als Jahrhundert der Verflüssigung beschrieben. Was schien zu seinem Beginn nicht alles noch fest, begrenzt und klar verortet, was hundert Jahre später flüssig, unbegrenzt, relativ, chaotisch und ortlos erschien (Brei der WirklichkeitWasser)? Der Verkehr, der Handel, die Kommunikation, die Gesetze der Physik (NewtonSchock), die Nationen, die Währungen, der Finanzmarkt – auch das Denken und die Kunst lösten sich in seinem Verlauf von der Festigkeit der strengen Form, begannen wie das Geld, die Waren und die Migranten zu wandern und mäandern, zu kreisen, ohne Anfang und Ende zu fließen (freilich nie, ohne zugleich auch eine restaurative Gegenbewegung auszulösen, die Dämme bauen und Ströme wieder begradigen wollte). Der Autor Robert Tercek hat 2017 ein faszinierendes Buch mit dem Titel Vaporisiert veröffentlicht, in dem er die Metapher der Verflüssigung einen Aggregatzustand weiter treibt: Laut Tercek befinden wir uns beginnend mit den 1980er Jahren und der Digitalisierung in der Phase der Vaporisierung (frz. vaporiser; „verdampfen“), in der alles, wirklich alles davon bedroht ist, zu verdampfen und dann im Wind des Fortschritts zu verwehen, bis nichts mehr von ihm übrig ist als ein paar digitale Algorithmen oder Quantenoperationen (Quantentechnologie). Was alles verdampft? Technische Geräte, Dienstleistungen, Berufe, Unternehmen, ganze Branchen, aber auch bestimmte Kulturtechniken, wie die Vinyl-Schallplatten, die Fotoapparate, Füllfederhalter und Notizblöcke, Taschenkalender, Setzmaschinen, Plattenläden, Flugzeugtickets, Taxiunternehmen, Reisebüros, Atlanten, Straßenkarten, Brockhaus, der Playboy, Leute nach dem Weg fragen und Kartenabreißer. Und so weiter. Und das Theater? Nun, warum sollte ausgerechnet im Theater nichts verdampfen, nur mal so gefragt (Theater (Minimaldefinition))?

Hole in Space, Raum und Zeit, Satellite Arts Project