Naturwissenschaften und Kunst

Es geschieht vermutlich selten, zumal es buchstäblich unvernünftig wäre, dass sich die Naturwissenschaften von den Werken der Kunst von ihrem Ideal der Objektität weginspirieren ließen. Umgekehrt haben Künstlerinnen aller Zeiten auf die neusten Erkenntnisse in den Naturwissenschaften geschaut und ihre Ästhetik daraufhin weiterentwickelt. Das kann man auch als Sympton des Darstellungsproblems deuten, das viele Wissenschaften haben: Wie soll man etwa die Paradoxien, Unschärfen und Zufälligkeiten der Quantenphysik zeigen? Wie stellt man Anti-Kausalität, Entgrenztheit (Brei der Wirklichkeit) oder Wahrscheinlichkeiten jenseits von mathematischen Gleichungen dar? Kein Wunder, dass der Physiker Erwin Schrödinger (1887-1961) mit der Erfindung einer Katze in einer Kiste, die lebendig und tot zugleich sein soll (Cheshire CatSchrödingers Katze), eigentlich den Bereich der Kunst betreten und mit ihr eine der bekanntesten Ikonen des 20. Jahrhunderts geschaffen hat (Geteilte Zeit ist doppelte Zeit). Picasso (1881-1973) z.B. hat Einsteins Relativitätstheorie gekannt und versucht, die vierte Raumdimension (Raum und Zeit) auf der Leinwand erfahrbar zu machen, indem er Frauen gemalt hat, deren Augen geradeaus und deren Nasen seitwärts gerichtet sind. Eine Beobachterin aus der vierten Raumdimension könnte nämlich Gesicht, Nase und Hinterkopf einer Frau gleichzeitig sehen und sogar mehrere Zeitpunkte zugleich aus dem Dasein ihres Kopfes (Rosch). Bertolt Brecht (1898-1956) war bekannt für seine Kenntnisse der Quantenphysik und hat versucht, ihre philosophischen Folgen auf gesellschaftliche Prozesse und den Klassenkampf zu übertragen, siehe Ein Ja und ein Nein.

Einsteins Verzweiflung, MolloySchock

Veröffentlicht am in Allgemein by Alexander Kerlin | publish