Erfahrung, die

Es ist so eine Sache mit der E. – gewissermaßen täuscht sie uns, indem sie uns zunächst einmal weismacht, dass sie nur uns gehört, uns ganz allein. Wir sagen uns: „Nie habe ich tiefer geliebt, nie fürchterlicher gelitten, nie enthusiastischer gehofft, nie mehr bereut als im Zuge dieser ganz besonderen E.” (Hochzeitsfeier) Nun, und dann, ein wenig Leben später, stellt sich die Ernüchterung ein oder die Genugtuung oder die Erleichterung: dass meine E.en nämlich keineswegs nur mir als Individuum gehörten, sondern dass ich sie teilte, mit Abermillionen anderer Menschen (Fred), den Lebendigen und den Toten, hier und in Paralleluniversen, vor oder in deren Hintergrund sich mein Leben abspielte, sich vielleicht auch ein wenig abhob, aber sicher nicht zu sehr, vermutlich nur ein bisschen: Denn die Geburt, der Tod, die Liebe, die Trennung, der Verlust, das Alter, die Krankheit, das Gesunden, die Hoffnung, die Vereinigung – die sind universell, mit all dem „Hexensabbat von Gefühlen und Gedanken“ (Molloy),  die sie im Schlepptau haben (Naturwissenschaften und Kunst). Und wenn auch jeder nur seinen eigenen Tod sterben kann, so teilen wir doch die Sterblichkeit und die Lebendigkeit untereinander (Ineinander verschachtelte Räume), weit über die Grenzen der persönlichen Bekanntschaft, der Zeitgenossenschaft, der Lokalität hinweg (Würde der Abstände).

Veröffentlicht am in Allgemein by Alexander Kerlin | publish