Natura Non Facit Saltus

(lat. für „Die Natur macht keine Sprünge.“) Die Annahme, dass die Natur im ewigen Fließen der Welt keine plötzlichen Sprünge vollzieht. Diese Idee wurde bereits von der vorsokratischen Schule der Eleaten (um 500 v. Chr.) formuliert: Alles in der Natur folge einem kontiniuerlich-kausal-kybernetischem System, das weder Chaos noch Zufall noch plötzliche Tempowechsel kenne. Daraus folgt, dass keine Energie oder Materie umstandslos aus dem Nichts entstehen bzw. ins Nichts entschwinden kann (und falls doch, steckt höchstens ein Gott dahinter, RoschMultiversum). In der Neuzeit setzte sich diese antike Sicht auf die Natur durch: Die Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) und Charles Darwin (1809-1882) etwa erklärten sich mit ihr das anscheinend graduelle und kontinuierliche Prinzip der Evolution, Newton formulierte Gesetze der Klassischen Mechanik und der Mathematik mit Hilfe von angeblich unabänderlichen Konstanten. Moderne Erkenntnisse in Biologie und Physik beschreiben die Natur jedoch eher als Borderline-Patientin, so sprunghaft wie sie sich verhält: In der Biologie sind zufällige und diskontinuerliche Genpool-Veränderungen (Gendrift oder Mutationen) längst bekannt, und die frühe Quantenphysik kennt z.B. Elektronen, die spontan und ohne überhaupt Zeit dafür zu benötigen (also, ohne überhaupt eine Strecke zurückzulegen) von einem Ort zum anderen hüpfen: der sprichwörtlich gewordene Quantensprung, der die Eleaten Lügen straft.

Brei der Wirklichkeit, Einsteins Verzweiflung, Quantenphysik, Weltbilder

Veröffentlicht am in Allgemein by Matthias Seier | publish